Vorwoche drei, diese Woche zwei: Jamiro-Kai

Das klingt wie eine Chart-Platzierung oder wie eine Ansage von Dieter-Thomas Heck. Den älteren Lesern habe ich damit eventuell eine Art Ohrwurm verpasst, denn sie werden jetzt bis morgen im Ohr haben, wie Dieter-Thomas Heck sagt: Vorwoche drei, diese Woche zwei: Jamiro-Kai!
 
Eigentlich beschreibt dieser Satz aber nur das Jahr 2016 von Jamiro-Kai. Am Anfang des Jahres war er der Jüngste von drei Geschwistern. Dann entschied das Jugendamt, dass alle drei Kinder nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben sollten. Ab Sommer war Jamiro-Kai dann als Pflegekind bei uns und hatte statt zwei Geschwistern „nur“ noch Jonathan als einzigen Bruder.
 
„Diese Woche zwei“ heißt aber nicht, dass er bei uns die Nummer zwei hinter Jonathan ist. Ich würde sagen, beide teilen sich Platz eins.
 
Wie kam es dazu? Als Jonathan zur Welt kam, waren wir zu alt für ein weiteres leibliches Kind. Da wir auch für Jonathans Geburt schon ein wenig nachhelfen lassen mussten, wollten wir es dabei belassen und nicht noch mal die damit zusammen hängenden Schritte unternehmen. Da wir damals noch nicht verheiratet waren und auch aus anderen Gründen, schied eine Adoption für uns aus. Durch Zufall stießen wir auf das Thema Pflegekind und sind heute froh und dankbar dafür.
 
Trotz unseres vergleichsweise „biblischen Alters“ wurde uns nach Jonathans Geburt die Frage gestellt, die wahrscheinlich alle Eltern von Einzelkindern oft hören müssen: „Wann wollt Ihr das zweite Kind?“ Als berufsmäßiger Erbsenzähler regte mich an der Frage schon immer das „das“ auf. Als wenn „das zweite Kind“ für alle als Selbstverständlichkeit vorgegeben ist. Beim dritten, vierten oder fünften Kind wird eher gesagt: „Wie, noch eins?“ oder „Hoppla, habt Ihr keinen Fernseher?“.
 
Egal: Jonathan sollte kein verwöhntes Einzelkind werden. Das ist vielen Einzelkind-Eltern, die wir kennen, sehr gut gelungen. Uns nicht so. In einigen Punkten war und ist Jonathan schon speziell. Wie auch immer: Mit einem Geschwisterkind und einem Mannschaftssport wollten wir etwas für ihn, uns, seine Umwelt und so tun.
 
Das mit dem Mannschaftssport klappt so mittel. Während 20 Kinder durch eine Sporthalle rennen und Handball spielen, klaut er dem Trainer das Handy und filmt von der Mittellinie das, was passiert und gibt ggf. Regieanweisungen.
 
Das mit dem Geschwisterkind war anfangs zwar sehr schwierig und anstrengend für uns alle. Inzwischen ist es aber fast kitschig, wenn die beiden sich nachmittags nach Schule und Kindergarten erstmals sehen und erst einmal umarmen. Kurz gesagt: Das hat super geklappt und hat sich (ich hasse das Wort) zu einer echten Win-Win-Situation entwickelt. Genau genommen zu einer Win-Win-Win-Situation.
 
Viele sagen zu uns: „Ein Pflegekind? Toll, dass Ihr das macht.“ Das freut uns zwar immer sehr, aber wir machen das alles ja nicht aus selbstloser Gutherzigkeit. Jonathan profitiert inzwischen deutlich davon, meine Frau und ich stellen immer wieder fest, dass uns das Leben zu viert noch besser gefällt, als zu dritt. Und auch zu zweit waren wir glücklich. Und Jamiro-Kai entwickelt sich auch bestens.
 
Hinzu kommt, dass wir mit Jamiro-Kai echtes Glück haben. Es gibt leider sehr viele Fälle von traumatisierten, gesundheitlich und psychisch angeschlagenen Pflegekindern. Jamiro-Kai gehört nicht dazu. Ich kann verstehen, dass Eltern der – wie soll ich sagen – schwierigeren Pflegekinder, sich austauschen möchten und dass es diverse Möglichkeiten gibt, sich dazu auszutauschen. Eine Folge davon ist leider auch, dass man bei der ersten Info über das Thema Pflegekinder nur auf Problemgeschichten stößt. Wir haben in den Monaten, bevor Jamiro-Kai bei uns einzog, eigentlich nur abschreckende Geschichten über sehr bedauernswerte Kinder und bewundernswerte Pflegeeltern gehört. Aber als pädagogisch nicht vorgebildete Eltern war das für uns fast so abschreckend, dass wir nicht wussten, ob wir das Thema Pflegekind überhaupt weiter voran treiben sollen. Das wäre sehr schade gewesen.
 
Hinzu kommt, dass viele Eltern, die sich für das Thema Pflegekind interessieren könnten, gar nicht wissen, dass man sich entscheiden kann, ob man ein Kind in Kurzzeitpflege für ein paar Monate bei sich aufnehmen möchte oder, ob man die so genannte Dauerpflege anstrebt. Letzteres ist - wie der Name sagt - auf Dauer angelegt, ist einer Adoption in vielen Punkten ähnlich, hat anders als bei einer Adoption (sechs bis sieben Jahre) eine deutlich kürzere Wartezeit von zum Teil unter einem Jahr und wird bis zur Volljährigkeit des Pflegekindes vom Jugendamt mit Rat und Tat begleitet.
 
Lange Rede, kurzer Sinn: Wer sich ein weiteres oder ein erstes Kind wünscht, sollte sich (noch ein blödes Wort: ergebnisoffen) mit dem Thema Pflegekind beschäftigen. Eventuelle Fragen dazu beantworte ich gern (nicht hier und öffentlich, sondern gern auf anderem Wege).
 
Da Jamiro-Kai hin und wieder noch im Buggy sitzt, stimmt „Schiebende Väter“ bei ihm und mir. Das Thema Randgruppe passt nicht ganz so, aber ich wollte mal etwas darüber schreiben, wie und warum er nun bei uns lebt.
 
Nun zu seinem Namen: Jamiro-Kai sorgt oft für Stirnrunzeln bei Menschen, die fragen: „Na wie heißt denn der Kleine?“ Statt – obwohl es stimmen würde – zu sagen: „Für Sie heißt er Herr Dethlefs.“ sagen wir dann doch immer „Jamiro-Kai“.
Meist folgt darauf die Frage, ob seine Eltern Ausländer sind und er Migrationshintergrund hat. Nein, seine Eltern sind echte Norddeutsche, seine Geschwister heißen Michaela und Alexander. Dazu fällt mir ein, was ein Freund mal zu mir gesagt hat: Er muss beim Wort „Migrationshintergrund“ immer an eine Fototapete von Istanbul denken. Schönen Dank, ich seitdem auch... Seit ca. 7 Jahren kann ich keine Nachrichtensendung oder Talkshow sehen, wo ich nicht mindestens einmal an so eine Tapete denke. Bei Amazon gibt es die übrigens schon für um die 10€.
 
Das wäre es für heute.
 
Ich freue mich wie immer über Kommentare und grüße alle, die bis hier gelesen haben. Alle anderen grüße ich auch, aber die lesen das ja dann nicht...
 
 
 
 
 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ein Nachbar (Dienstag, 20 Februar 2018 21:17)

    Einfach nur schön geschrieben! Danke!